happily ever after – Gedanken zum 26. Sonntag der Lesereihe 2022

Jesus malt Seinen Zuhörer*innen im Sonntagsevangelium eine drastische Geschichte aus, In alten Bilderbibeln gehört sie zu den besonders detailreichen Darstellungen, die man mit leichtem Gruseln angeschaut und sich eingeprägt hat. Himmel und Hölle, oben und unten wechseln sich ab. Der Letzte ist am Schluss der Erste. Der ehemalige Gewinner ist verloren. Zunächst klingt die Geschichte wie ein Märchen. Sie wird mit demselben Satz eröffnet, mit dem alle Märchen beginnen: „Es war einmal …“. Obwohl das so klingt, als würde darauf eine lange zurückliegende Begebenheit folgen, meint es genau das Gegenteil. Die Formel „Es war einmal . . .“ wird am Schluss eines Märchens ergänzt durch die Worte: „…heute noch“ und das heißt eigentlich: „Es passiert immer wieder so…“

Der Reiche in der Geschichte wird stellvertretend für die Reichen dieser Welt genannt. Er hat keinen Namen. Wir erfahren nur, dass er gut gekleidet ist und Tag für Tag herrlich und in Freuden lebt. Der Arme ist ebenfalls einer von vielen, aber er wird aus der Anonymität herausgeholt und beim Namen genannt. Bei Gott ist er kein namenloses Bündel Elend, sondern eine Person mit einer Würde und einem Recht auf menschenwürdiges Dasein. Lazarus heißt er, und das bedeutet „Gott hat geholfen“. Besser wäre für ihn, der Reiche hätte diese Aufgabe übernommen. Lazarus geht nicht nur leer aus, obgleich der Überfluss des Reichen noch genug für ihn abgeworfen hätte – er wird sogar noch in all seinem Elend zum Nachtisch für die Hunde, die an seinen Geschwüren lecken. Eine üble Vorstellung, bei der es uns schüttelt. Eine entwürdigende Perspektive. Ein Missstand, der seinesgleichen in der Menschheitsgeschichte nicht lange suchen muss. Täglich passiert Vergleichbares, auch heute.

Für den Reichen im Lehr-Märchen Jesu schlägt schließlich das letzte Stündlein und er landet in der Unterwelt, dem Reich der Toten. Dort ist für ihn, wie für die Sorglosen in der ersten Lesung, das Fest der Faulenzer, das unbeschwerte Feiern vorbei. Die bildhafte Beschreibung qualvoller Schmerzen, die der Reiche dort erleiden muss, haben die christliche Vorstellung vom Fegefeuer lange, vielleicht zu lange geprägt. Dabei müssen wir uns überhaupt keine physischen Schmerzen ausmalen, um den Sinn der Erzählung zu verstehen: Am meisten quält den Reichen vielleicht die schmerzliche Erkenntnis, dass er sein Leben verpfuscht hat, indem er ohne Verantwortungsbewusstsein und Tiefgang die Zeit verstreichen ließ. Voll war sein Leben aber keineswegs erfüllt.

„Der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass der Mensch aufgrund seines großen Vermögens im Überfluss lebt“ (Lk 12,15), haben wir vor einigen Wochen gehört. Der Narr mit den großen Kornspeichern hatte in seiner beständigen Vorsorge das richtige Leben, den heutigen Tag, verpasst. Der Reiche, von dem wir heute hören, feiert zwar das Heute, aber verpasst es, die Menschen vor der Türe wahrzunehmen und an seinem Fest zu beteiligen. Und nun sieht er Lazarus, dem schließlich Gott geholfen hat, nimmt ihn zum ersten Mal richtig wahr. Der wird in Abrahams Schoß getröstet und gut betreut. Aber es ist endgültig zu spät, mit ihm in Kontakt zu treten und gar eine Hilfeleistung von ihm in Anspruch zu nehmen.

Was will diese schwere, düstere Geschichte uns sagen? Vielleicht dies: Im Märchen kommen Gute und Böse, Arme und Reiche, Mangel und Fülle immer nur in der Reinform vor. Im echten Leben begegnet uns das in unterschiedlicher Mischung. Wir gehören zweifellos zu den Reichen dieser Welt, wohnen auf der richtigen Halbkugel, wo wir das größte Stück vom Kuchen abbekommen. Wir sind uns aber nicht immer dessen bewusst, jammern auf hohem Niveau im Vergleich zu den Menschen in den Kriegs- und Krisengebieten dieser Erde. Natürlich haben wir auch echte Sorgen und Probleme, nicht zuletzt bedingt durch die aktuell enorm steigenden Preise, aber dennoch haben wir in der Regel genug Möglichkeiten, uns auch um diejenigen in unserem Umfeld zu kümmern, denen es noch schlechter geht. Müssen wir also darauf gefasst sein, am Ende neben dem armen Reichen zu landen? So schnell möchte ich den Gedanken nicht einfach so stehen lassen. Denn es gibt auch den Lazarus in uns. Anteile / Phasen / Zeiten in unserem Leben, wo wir wie Lazarus in unserem Elend sitzen, sei es aus Sorge, aus Überforderung, aus psychischer Not oder schlicht, weil wir in eine Sackgasse geraten sind. Und auch dann gibt es leider immer wieder die Erfahrung, dass wir dann von anderen einfach sitzen gelassen und nicht mehr beachtet werden. Dann kann dieser Lazarus einer sein, der uns aufschauen lässt zu Gott, der sich erbarmt, der hilft und rettet.

Wir können nicht die ganze Welt retten. Aber wir können bemerken, was sich vor unserer Haustüre abspielt. Wir können jederzeit in kleinen Portionen des Alltags mit dem Teilen beginnen. Wir können einladend sein und uns unserer guten Lebensumstände würdig erweisen, indem wir dankbar sind und so leben, dass andere etwas davon haben. Und wir dürfen in unseren Notlagen und Sorgen uns dem Erbarmen Gottes anvertrauen, seiner Hilfe und seinem Beistand. Wenn beides zusammenkommt, dann wird unser Leben erfüllt – nicht im Sinne eines happily ever after in den Märchen, sondern im Sinne der Botschaft Jesu: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ (Joh 10,10)

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Brenna duad’s guad – Gedanken zum 25. Sonntag der Lesereihe 2022

jeder woass, dass as / geld nit auf da wiesen wachst / und essen kann ma’s a nit / aber brenna tat’s guat.

So sang es der österreichische Musiker Hubert von Goi-sern in seinem Lied „Brenna duat’s guad“ im Jahr 2011. Damit wollte er seinem Ärger angesichts der zunehmen-den Gier und der immer größer werdenden Ungerechtig-keit musikalisch Luft machen (auch angestachelt, Du erinnerst Dich vielleicht, von der Bankenkrise, die damals die Welt ziemlich durcheinander gewirbelt hat). Geld regiert die Welt, heißt es in einem geflügelten Wort – und es scheint zu stimmen. Geld regiert die Welt: hast du was, dann bist du was und was nix kostet ist auch nix wert – so sagt es der Volksmund. Ganz objektiv betrachtet kann ich feststellen: Geld brauchen wir! Geld ist nötig, damit unser wirtschaftliches System funktioniert. Wir brauchen ein zuverlässiges Zahlungsmittel, sonst müssten wir ständig Dinge und Dienstleistungen eintauschen – und ich bezweifle, ob das wirklich gerechter wäre. Problematisch wird es mit dem Geld nur, wenn aus dem Mittel ein Selbstzweck wird, wenn der Reichtum zum Lebensinhalt wird und fast wie ein Gott oder Götze im Leben erscheint. Jesus nennt diesen personifizierten Reichtum „Mammon“ und sein Urteil darüber ist eindeutig: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon – sagt Jesus.

Ich ahne schon, dass Du vielleicht gerade ein großes Aber im Kopf hast – gerade angesichts der Energiekrise und der Inflation. ABER ich bin doch gar nicht reich, mich betrifft das doch nicht. Ich muss ohnehin schauen, dass ich über die Runden komme. Ich leide doch gerade selbst unter der Ungerechtigkeit, als dass ich sie verursache. Die Geldigen, die müssen sich ändern… Und schnell ist man da wieder bei Hubert von Goisern im oft berechtigten Aufregen über die Schuldigen an der Ungerechtigkeit in der Welt:

wo is des geld / des was überall fehlt / ja hat denn koana an genierer / wieso kemman allweil de viara / de liagn, de die wahrheit verbieg’n / und wanns nit kriagn was woll’n / dann wird’s g’stohln,

Irgendwie passen diese Zeilen auch zu dem Verwalter aus dem Gleichnis Jesu im Sonntagsevangelium. Ihm wurde vorgeworfen, das Vermögen seines Herrn zu veruntreuen. Und wenn man sein Verhalten so anschaut, findet sich dieser Vorwurf auch bestätigt. Er erlässt den Schuldnern seines Herrn einen Teil ihrer Schulden, damit er selber dann in deren Gunst steht und nicht auf der Straße. Das Erstaunliche: kein Tadel von seinem Chef und auch von Jesus nicht. Als klug wird er bezeichnet und als Vorbild: „Ich sage euch: Macht Euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es zu Ende geht.“ (Lk 16,9)

Also: das Geld von unserem Arbeitsplatz veruntreuen, um gut dazustehen? Ist es das, was Jesus will? Ganz bestimmt nicht! Ich deute dieses Gleichnis als Aufruf, zum verantwortlichen Umgang mit den eigenen Ressourcen. Also quasi: Gott dienen mit dem Mammon. Und dabei darf ich durchaus auch auf mich schauen, wie der Verwalter im Gleichnis. Ich darf für ein gutes eigenes Auskommen sorgen, für eine gute Basis, damit ich mein Leben gut gestalten kann. Aber wirkliches Glück schaut eben nie nur auf sich selbst, sondern nimmt auch andere mit in den Blick. Deshalb darf ich die nicht vergessen, denen es nicht so gut geht. „Macht euch Freunde!“ – schreibt Lukas; nicht nur: spendet fleißig! – Macht euch Freunde: Baut eine Beziehung zueinander auf, lasst Euch die Not und die Ungerechtigkeit zu Herzen gehen, denn dieses Mitgefühl schafft Verbindung. Wo ich mit anderen mitfühle und ausgehend davon mit meinem Besitz, mit meinen finanziellen Mitteln und auch schlicht mit meinen Möglichkeiten dazu beitragen kann, dass andere Menschen nicht zu wenig haben, sondern dass es reicht und es damit ein klitzekleines Bisschen besser zugeht auf unserer Erde, da handle ich klug im Sinne des heutigen Evangeliums, da nehme ich meine Verantwortung für das wahr, was Gott mir anvertraut hat. Da werde ich Gott durch den Mammon dienen können – gerade auch jetzt in diesen Krisenzeiten. Jeder kleine verantwortungsbewusste Schritt bringt uns einander näher und trägt dazu bei, dass das Reich Gottes mehr und mehr Wirklichkeit wird – auch wenn der Weg dahin mühsam ist.

Einmal noch zurück zu Hubert von Goisern.

teil ma aus, schenka ma ein / toan ma uns obi oder g’frein / war’n ma christ hätt ma gwisst / wo da teufel baut an mist

So singt er in der dritten Strophe von „Brenna duat’s gu-ad“. Und für mich nimmt diese Strophe ein Gefühl auf, dass bei den ganzen bisherigen Überlegungen sich schnell melden kann: die Resignation. Eigentlich wüssten wir ja, wie es geht; eigentlich tun wir ja schon, was Jesus meint – und doch gibt’s so viel Mist durch verantwortungslosen Umgang mit dem Geld, durch Machtgehabe und Verantwortungslosigkeit. Man kann da schon den Mut verlieren, angesichts so vieler Dinge, die zu tun wären. Aber das will Jesus gerade nicht. Seine Botschaft heute ist eine Ermutigung durch und durch: Gib nicht auf! Nimm Deine Verantwortung wahr! Lass dich vom Mist nicht abschrecken, sondern vertraue meiner Verheißung von einem Leben in Fülle, zu dem auch Du das Deine beitragen darfst!

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Schweinställe – Gedanken zum 24. Sonntag der Lesereihe 2022

Er hätte gerne seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen, aber niemand gab ihm davon. Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen, und ich dummer Esel laufe von ihm fort. Er machte sich bittere Vorwürfe und weinte jeden Tag – und wenn er nicht gestorben ist, dann weint er und sitzt noch heute bei den Schweinen.

So hätte die Geschichte vom verlorenen Sohn aus dem Sonntagsevangelium wohl ausgehen müssen, wenn er nicht aufgebrochen und nicht heimgegangen wäre. Ja, wäre er nicht zu seinem Vater gegangen, dann säße er wohl noch immer im Schweinestall. Natürlich wissen wir, dass Jesus die Geschichte mit einem glücklichen Ende versehen hat: der junge Sohn ist am Ende nach seinen Irrungen und Wirrungen wieder daheim, der ältere Bruder ist nach großem Groll wieder versöhnt und der Vater ist glücklich, weil es seinen beiden Söhnen gut geht. Wahrlich ein Evangelium, eine Frohe Kunde für die Menschen damals wie heute: Versöhnung und Vergebung heilen und machen frei! Ich befürchte aber, dass im konkreten Leben die Geschichten von Verlorenheit nicht immer so glücklich ausgehen. Nicht selten, so denke ich, bleiben die verlorenen Söhne und Töchter in ihren Schweineställen sitzen…

Du kennst das bestimmt auch: Da ist etwas schief gelaufen, Du merkst, dass Du richtig Mist gebaut hast; Du sitzt da und weißt genau, dass es im Grunde zum größten Teil an dir gelegen hat, dass eine Sache daneben gegangen ist, eine Freundschaft zerbrochen oder ein Lebenstraum geplatzt ist. Die Einsicht oder Erkenntnis, was jetzt dran ist, die ist dann oft ganz deutlich zu spüren und die richtigen nächsten Schritte sind sonnenklar: ich müsste jetzt einfach aufstehen und vier kleine Worte über meine Lippen bringen; ich müsste jetzt nur noch fertig bringen, der*dem anderen zu sagen: „Es tut mir leid!“ Doch nicht selten – und das kenne ich von mir selbst auch nur zu gut – ist die Geschichte hier dann schon zu Ende! Kein Losgehen zum Versöhnungsfest sondern ein Verbleiben im Schweinestall – aus Angst, aus Groll oder einfach, weil ich nicht weiß, wie ich das anstellen soll.

Freilich, leicht ist dieses Aufbrechen aus dem Schweinestall nicht, denn auch an so einem unschönen Ort kann ich mich einrichten und mich mit der Situation arrangieren. Und auch Schweineställe haben Wände, gemauert aus Sätzen wie: eigentlich ist doch er*sie an allem schuld! Er*sie hat doch angefangen! Er*sie hat sich ja nicht mehr gemeldet! Er*sie hat mich doch so schwer verletzt! Wenn wir diese Sätze in unseren Herzen herumtragen, dann sind sie immer auch wahr. Aber sie sind eben nicht die ganze Wahrheit. Jeder Konflikt, jedes Zerwürfnis, jeder Fehler, jede Enttäuschung kennt immer mindestens zwei Seiten. Und wenn ich das einsehe, wie der junge Sohn im Gleichnis, und mich zugleich noch sehnsuchtsvoll an den Zustand, das Gefühl oder das Leben vor dem Sitzen im Schweinestall erinnere – vielleicht kann es mir dann leichter fallen, Schritte zur Versöhnung zu gehen, wirklich aufzustehen und die Misere hinter mir zu lassen. Und wenn das alles nicht reicht, um mir Beine zu machen, dann darf und soll ich mich auch immer wieder an Gott wenden, dass er mir Kraft gibt, dass er anfängt, meine Mauern des Grolls, der Wut, der Angst und des Schmerzes einzureißen und so den Weg bahnt zu echter heilsamer Versöhnung.

Ja, manchmal sind wir eben ein verlorener Sohn oder eine verlorene Tochter. Vielleicht sind wir es ja auch jetzt gerade, schon lange oder erst kürzlich geworden. Dann kann das Gleichnis, das wir gerade gehört haben, mehr sein als nur eine schöne Geschichte. Dann wird dieses Evangelium zur wirklich befreienden Botschaft: zu einem Wort für alle, die in den Schweineställen festsitzen und die im Grunde sehr gut wissen, dass etwas mächtig schiefgelaufen ist, die sich aber einfach nicht bewegen können oder wollen. Gerade dann braucht es solche Worte als eine Art geistlichen Tritt, einem Tritt, der manchmal notwendig ist, um wirklich aufzustehen und zur*m Partner*in, zur*m guten Freund*in, zur*m Kolleg*in am Arbeitsplatz und – nicht zu vergessen – auch zu unserem Gott die letztlich alles entscheidenden vier Worte sagt: „Es tut mir leid!“ Was dann geschieht lässt sich nicht vorhersagen, aber ich bin mir sicher, dass die ernstlich zur Versöhnung gereichte Hand niemals abgelehnt wird und so Heilung und Neuanfang ganz konkret geschenkt und empfangen werden dürfen. Und die Geschichten, die dann geschrieben werden, werden auch frohe Botschaften sein und ganz bestimmt nicht in Schweineställen spielen.

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Entschieden leben – Gedanken zum 20. Sonntag der Lesereihe 2022

Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf der Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, nicht Frieden, sondern Spaltung. Krasse Worte, die uns heute als Frohe Botschaft aufgetischt wurden. Schwere Kost, die nur mühsam verdaut werden kann. Jesus, der Friedenskönig, der barmherzige Heiland, die menschgewordene Liebe Gottes – als einer der Spaltung bringt, der sie nicht nur hinnimmt, sondern sogar regelrecht befördert? Ich muss ehrlich zugeben, dass ich mich mit dieser Seite von Jesus, die Lukas hier ins Wort bringt, sehr schwertue. Und das gerade in dieser gesellschaftlich so schwierigen Zeit, in der seit den diversen Krisen Spaltung allgegenwärtig ist. Da gibt es Spaltungen zwischen den Befürworter*innen und Gegner*innen der Corona-Schutzmaßnahmen; zwischen den Kämpfer*innen gegen den Klimawandel und denjenigen, die dessen Vorhandensein schon gar nicht glauben wollen; zwischen den Superreichen und den Bettelarmen; zwischen Konservativen und Progressiven; zwischen Willkommenheißern und Fremdenfeinden – usw. usf. Wenn Du in Dein persönliches Umfeld schaust, wirst Du einiges von dem Genannten wiederfinden und vielleicht auch noch ganz andere Spaltungen – nicht selten tatsächlich im Familienkreis und ebenfalls nicht selten hervorgerufen durch Erbschaftsstreitigkeiten. Ich persönlich bin ein ungemein harmoniebedürftiger Mensch und komme mit den kleinen und großen Spaltungen sehr schlecht zurecht, weil sie eigentlich immer ganz viel Groll, Wut oder Hass mit sich bringen, was ich nur schwer aushalten kann.

Ja, und all das soll Jesus auch im Sinn gehabt haben? Nun, die Forscher*innen sind sich einig, dass die Worte aus dem Sonntagsevangelium gerade wegen ihrer Sperrigkeit und irritierenden Härte echte, authentische Jesusworte sein dürften. Aber Spaltung, mitten durch Familien oder durch die Gesellschaft mit aller Kälte und Härte des Herzens, die damit einhergehen – nein, das kann nicht im Sinne Jesu sein… Vielleicht kann uns ein kleiner sprachgeschichtlicher Seitenblick eine Hilfe in diesem Dilemma sein. Das griechische Wort für spalten heißt schizo, was Du vielleicht von Fremdwörtern wie der Schizophrenie her kennst (wörtl.: gespaltene Seele, was dem Krankheitsbild allerdings nur kaum gerecht wird). Und dieses schizo meint von der Grundbedeutung einen kraftvollen oder kräftezehrenden Vorgang des Auseinanderspaltens wie beim Holzmachen. Nun ist eben dieses Verb schizo aber auch die sprachliche Wurzel unseres deutschen Wortes scheiden bzw. entscheiden. Eine Entscheidung verlangt also, im Bild bleibend, bei einer Wahl all die Alternativen abzuspalten wie beim Holzmachen.

So weit so gut, aber was hat das nun mit dem Sonntagsevangelium zu tun? Ich gebe zu, es mag weit hergeholt sein, aber wie wäre es, wenn wir angesichts der bisherigen Überlegungen das Wort Spaltung einmal versuchsweise durch das Wort Entschiedenheit ersetzen? Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen! Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf der Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, nicht Frieden, sondern Entschiedenheit. Damit stehen diese mühsamen Worte zumindest in einem etwas verständlicheren Licht. Jesus ist gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen, das Feuer des Heiligen Geistes, das die Seelen in Brand steckt für die Botschaft von Reich Gottes; das Feuer der Liebe, die es mit der Kälte des Herzens aufnimmt; das Feuer des Gerichts, das wie in einem Schmelzofen all das Böse in der Welt einfach in sich zusammenfallen lässt. Wer von diesem Feuer „angesteckt“ ist, wer wirklich betroffen, berührt, begeistert ist von der Frohen Botschaft Jesu, der*die wird nicht anders können, als mit Entschiedenheit an einer oder auch an mehreren Stellschrauben im eigenen Leben zu drehen. Und das wird auch zu etlichen Konflikten führen, zu Unverständnis und Irritation. So manch falscher und oberflächlicher Friede wird durch diese Entschiedenheit leiden oder gar kaputt gehen. Aber das wird der Mühe wert sein, wie es in der Lesung so kraftvoll und ermutigend hieß: Lasst uns mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der vor uns liegt, und dabei auf Jesus blicken, den Urheber und Vollender des Glaubens; er hat angesichts der vor ihm liegenden Freude das Kreuz auf sich genommen, ohne auf die Schande zu achten, und sich zur Rechten von Gottes Thron gesetzt. Richtet also eure Aufmerksamkeit auf den, der solche Anfeindung von Seiten der Sünder gegen sich erduldet hat, damit ihr nicht ermattet und mutlos werdet!

Entschieden leben – weil Gott sich in Jesus für das Heil der Welt entschieden hat. Entschieden leben – weil Jesus mir mit seiner Feuerkraft des Geistes beisteht und mir Kraft gibt. Entschieden leben – auch wenn es Kraft und Mühe kostest und keine Likes einbringt. Entschieden leben – das ist der Aufruf, den ich im Sonntagsevangelium entdeckt habe und der es wirklich wert ist, gerade in unserer gespaltenen Zeit und gespaltenen Welt, viel mehr beherzigt zu werden, damit mit Gottes Hilfe einmal wieder echter Friede werden kann, der die Spaltung überwindet.

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Nachtwachen – Gedanken zum 19. Sonntag der Lesereihe 2022

Das Sonntags-Evangelium spiegelt eine Problematik der Christ*innen des 1. Jahrhunderts wider, die damals in der Tat für viel Kopfzerbrechen sorgte. Es geht um die Überzeugung der ersten christlichen Generation, dass Jesus als Weltenrichter und König noch zu ihren Lebzeiten wiederkommen und die Erwählten heimführen würde. Diese Überzeugung war so tief verankert, dass deshalb auch viele Christ*innen ein radikales Leben führten. „Verkauft eure Habe, und gebt den Erlös den Armen! Macht euch Geldbeutel, die nicht zerreißen. Verschafft euch einen Schatz, droben im Himmel“, das sind Sätze voller Radikalität. Gelebt werden aber kann so nur, wenn man in der Gewissheit lebt, dass der Herr jeden Augenblick auf den Wolken wiederkommen wird. Aber je länger die Wiederkunft Christi auf sich warten ließ, umso mehr kamen Zweifel, ob es überhaupt Sinn macht, so entschieden und streng zu leben. Und in diese Situation hinein, genauer gesagt: um das Jahr 80, also bereits eine Generation nach Jesus und seinen Aposteln, überliefert Lukas diese Worte: Legt euren Gürtel nicht und lasst eure Lampen brennen. Bleibt also bereit. Seid wie Menschen, die auf die Rückkehr ihres Herrn warten, der auf einer Hochzeit ist, und die ihm öffnen, sobald er kommt und anklopft. Und kommt er erst in der zweiten oder dritten Nachtwache und findet sie wach – selig sind sie. Das Lukas-Evangelium vergleicht also die Situation damals mit der Nachtwache. Dabei wurde gleichsam zwischen verschiedenen Schichten unterschieden. Und gerade die späteren, schon auf den Morgen zugehenden Wache-Schichten können verdammt lang werden. Die Christ*innen zur Zeit des Lukas-Evangeliums leben also zeitlich gesehen bereits in der zweiten oder dritten Nachtwache und da ist viel Ausharren verlangt.

Nun, die Erwartung der nahen Wiederkunft Christi hat sich aus unserer Perspektive tatsächlich als falsch herausgestellt. Sein Kommen ist uns im Glauben als gewiss verheißen, aber wann? Gerade weil es für uns heute im Glaubens- Alltag eigentlich kaum noch vorkommt, dass wir uns mit der Wiederkunft Christi beschäftigen, ist es so wichtig, dass wir immer wieder mit solchen Texten konfrontiert werden, zumal das heutige Evangelium auch etwas zutiefst Menschliches zum Ausdruck bringt. Je länger ein Leben währt, umso schwieriger kann es manchmal werden, am Glauben festzuhalten. Um im Bild des Evangeliums zu bleiben: in den zweiten oder dritten Nachtwachen des Lebens kann einen schon mal die Ausdauer verlassen, der Glaube weniger werden oder gar ganz an Plausibilität verlieren. Je länger ein Leben währt, umso mehr Enttäuschungen hat man hinter sich, Schicksalsschläge, Erfahrungen von Sinnlosigkeit und Bedeutungslosigkeit. Auch der Glaube wird dann hart auf die Probe gestellt. Da nutzt es auch nichts zu sagen: Du musst mehr beten; du musst mehr Bibel lesen, mehr Gutes tun und mehr dich an Gott festhalten. Tief im Glaubensleben eines Menschen gehen Veränderungen vor sich, die nicht einfach durch Appelle weg-befohlen werden können…

Angesichts der Erfahrungen von Leid, die man im fortschreitenden Leben durchmachen musste, angesichts der steigenden gesellschaftlichen Irrelevanz und Gleichgültigkeit allem Religiösen gegenüber stellt sich diese Frage fast schon von selbst: „Gibt es Gott wirklich?“ Aber genauer besehen, muss die Frage eigentlich anders lauten: Gibt es den Gott wirklich, den ich mir bisher vorgestellt habe? Ist meine Vorstellung von Gott die richtige? Und da tut sich gerade in den fortschreitenden „Nachwachen“ des Lebens viel an Veränderung. Ich werde vor Gott sprachloser; ich mache die Erfahrung, dass Gott nicht fassbar ist und sich der Begreifbarkeit entzieht. Vielleicht verunsichert mich das und ich denke, dass mir der Glaube verloren geht. Nein, es geht nur eine Gottesvorstellung verloren. Gott wird dann zum Rätsel, zu einem Geheimnis, dem ich vielleicht sogar ehrfürchtiger begegnen kann als vorher.

Je später die Nachwachen also, umso wichtiger werden Schweigen und Hören und etwas ganz Tiefes und Beglückendes kann sich einstellen. Das heutige Evangelium spricht auch davon: „Er, der Herr, wird sich gürten, sie am Tisch Platz nehmen lassen und sie der Reihe nach bedienen“. Es ist die Erfahrung, dass alles umgekehrt ist. Mag ich in meinem Leben geglaubt haben, ich müsste Gott an den Tisch meines Lebens einladen, so mache ich dann die Erfahrung, dass er mich schon immer an den Tisch seines Lebens teilhaben lässt. Glaubte ich bisher, ich müsste mich gürten, um für ihn bereit zu sein, darf ich beglückend erfahren, dass er immer für mich da war und ist. Glaubte ich bisher, dass ich ihm dienen müsse, darf ich beglückend erfahren, dass er mich an seinem Tisch Platz nehmen lässt und mich bedient, also mir dient. Kurz: Meine eigenen Aktivitäten lassen nach, – äußerlich sieht es zum Verwechseln einem Unglauben ähnlich, der nichts mehr für Gott tut – aber eigentlich ist es die Einsicht, dass man für Gott nichts zu tun braucht, sondern er alles für mich tut und ich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit bekommen kann.

Deswegen: „Selig, wen der Herr in der zweiten oder dritten Nachtwache wachen findet“, also selig, wer durch die durchwachten, schlaflosen Nächte, durch die Krisen und auch durch den wankenden und bröckelnden Glauben hindurch den unbegreiflichen Gott und den, der ganz anders ist, wirklich ins Leben einlassen kann. Selig, wer im Lauten und in der Stille Gott sucht und damit nie aufhört, auch wenn das Ziel und die Wahrheit schon erreicht scheinen. Und so möchte ich schließen mit einem etwas anderen Psalm des Iranischen Dichters SAID, eines Gottsuchers und Nachtwachers, der seinesgleichen sucht:

herr

bisweilen brauche ich deine abwesenheit

verschaffe mir eine wortlose leere

die mich anhört

bis ich kraft gewinne,

mehr als einer minderheit anzugehören

und den glauben verliere,

eine mehrheit helfe gegen die dunkelheit

gib mir die gelassenheit

mein exil zu ertragen

diese lange schlaflosigkeit

die mich mit mir versöhnen will

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Unterbrechung – Gedanken zum 17. Sonntag der Lesereihe 2022

Vater unser, im Himmel… Das Gebet der Christenheit; das Gebet, das fast jede*r Christ*in kennt. Wie oft, glaubst Du, hast Du das in Deinem Leben schon gebetet? Ich habe keine Ahnung, aber es muss eine sehr hohe Zahl dabei rauskommen, vermute ich. Ganz oft war es selbstverständlicher Teil des Gottesdienstes, gesprochen von der ganzen feiernden Gemeinschaft – dann wieder ein ganz persönliches Gebet, womöglich als Teil vom Rosenkranz. Ob ich immer so ganz andächtig dabei war? Ich denke nicht. Umso wichtiger ist es, sich dieses Gebet immer wieder einmal ganz bewusst zu Herzen gehen zu lassen. Und genau dazu möchte ich Dich heute einladen und zwar mit einem alten Dialog von Clyde Lee-Hereng. Lass ihn einfach mal auf Dich wirken:

A: Vater unser im Himmel –
B: Ja?
A: Unterbrich mich nicht, Herr, ich bete!
B: Aber du hast mich doch angesprochen.
A: Ich dich angesprochen? Äh… eigentlich nicht. Das beten wir eben so: Vater unser im Himmel…
B: Da, schon wieder Du rufst mich an, um ein Gespräch zu beginnen, oder? Also, worum geht’s?
A: Geheiligt werde dein Name …
B: Meinst du das ernst?
A: Was soll ich ernst meinen?
B: Na, dass du meinen Namen wirklich heiligen willst? Wenn ja, wie machst du das?
A: Wie ich das mache, deinen Namen heiligen? Eh… ja, wie soll ich sagen . . , also ich hab eigentlich keine Ahnung, wie ich das machen soll, hat mir noch keiner erklärt.
B: Meinen Namen heiligen, das machst du, wenn du dich wirklich für mich interessierst und wenn du mich nur dann anrufst, wenn du wirklich mit mir reden willst. Überleg mal, wie oft du „ach, Gott“ sagst, ohne überhaupt an mich zu denken. Dann heiligst du meinen Namen nicht.
A: Aha. Hm. Ja, das verstehe ich. – Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden . . .
B: Und was tust du dafür?
A: Dass dein Reich kommt und dein Wille geschieht? Na hör mal! Siehst du nicht, wie oft ich in die Kirche gehe und wieviel Kirchengeld ich bezahle? Und ich hab auch schon ein paarmal beim Gemeindefest Würstchen gebraten. . .
B: Alle Achtung! Hast du auch schon mal irgend jemandem von mir erzählt und von meinem Friedensreich? Und hast du die Asylbewerber bei euch in der Stadt mal besucht? Oder die vielen Alten und Kranken in deiner Gemeinde? Wer mich und meinen Willen nicht kennt, der kann ihn auch nicht tun!
A: Aber dazu gibt es doch ausgebildete Leute, die das viel besser können als ich. Und dann das viele Leid, was es da zu sehen gibt, was soll ich denn dazu sagen. Wer wird mir schon zuhören!
B: Entschuldige. Ich dachte, du betest wirklich darum, dass sich mein Herrschaftsbereich in der Welt ausbreitet und mein Wille geschieht. Das fängt nämlich ganz persönlich bei dem an, der darum bittet. Wie soll ich deine Bitte erfüllen, wenn dein Leben so aussieht, als könntest du mein Reich noch gar nicht vertragen?
A: Tja . . . da ist was dran. – Kann ich jetzt mal weiterbeten? – Unser tägliches Brot gib uns heute …
B: Du hast Übergewicht, Mensch!
A: Soll ich den Satz denn weglassen?
B: Nein, du sollst mehr mit anderen teilen. Das Geld, das du zwischendurch für Cola, Currywurst und Gummibärchen ausgibst, könnte ich anderswo in der Welt gut gebrauchen, damit die, die wirklich Hunger haben, ihr tägliches Brot bekommen.
A: Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigem . . .
B: Und Jochen?
A: Jochen? jetzt fang auch noch von dem an! Du weißt doch genau, wie der mich vor den anderen blamiert hat und wie arrogant der ist. Der macht sich nur über mich lustig.
B: Ja, ja, ich weiß, aber du hast doch gerade gebetet…
A: Ich glaub, ich meinte es nicht so.
B: Du bist wenigstens ehrlich. – Macht es dir eigentlich Spaß, mit soviel Wut und Aggressionen im Bauch herumzulaufen?
A: Nein, überhaupt nicht. Es macht mich richtig krank.
B: Ich möchte dich heilen. Such dir einen Christen, mit dem zusammen du deine ganzen Verletzungen besprechen kannst, und dann fange an, für Jochen zu beten.
A: Meine Güte, du mutest mir ganz schön viel zu.
B: Das scheint dir jetzt so, aber probier’s aus. Ich helfe dir Schritt für Schritt.
A: Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen …
B: Ich bin gerade dabei.
A: Wie bitte?
B: ich bin gerade dabei, dich herauszuführen aus einem Leben, das dich kaputtmacht. Merkst du das nicht?
A: Hm, wenn ich mir’s recht überlege, da ist was dran. Meine Güte, so ein Vaterunser habe ich noch nie gebetet. Aber irgendwie tut mir das gut, glaub ich…
B: Ja, das ist auch der Sinn bei der ganzen Sache. Bete ruhig zu Ende.
A: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
B: Weißt du was? Ich freu mich immer richtig, wenn Menschen anfangen, mich ernst zu nehmen, so wie du jetzt, und offen mit mir reden. Dann kann ich nämlich erst anfangen, euch reich zu beschenken.

Also: lass nicht nach im Beten, aber lass Dich immer wieder auch im Sinne dieses Dialogs unterbrechen von Gott, damit er auch Dich reich beschenken kann!

Bild von Jackson David auf Pixabay

Indianerzeit – Gedanken zum 16. Sonntag der Lesereihe 2022

Ein Indianer fährt das erste Mal in seinem Leben in einem Auto mit. Er scheint die Fahrt zu genießen und sieht sich alles, was am Fenster vorbeifliegt, mit großen Augen interessiert an. Nach ungefähr zwanzig Minuten sagt er: „Bitte halten Sie an, ich möchte aussteigen.“ Der Fahrer sieht ihn verwundert an. „Aber wir sind doch noch gar nicht am Ziel!“ Was wollen Sie denn hier? Hier ist doch nichts. Die nächste Stadt ist noch mindestens vierzig Kilometer entfernt.“ Doch der Indianer lässt sich nicht von seiner Entscheidung abbringen. Der Fahrer hält also an und lässt ihn aussteigen. „Und was, um Himmels willen, wollen Sie jetzt hier machen?“, fragt er, während sich der Indianer an den Straßenrand setzt. „Warten, bis meine Seele nachkommt.“

Diese alte Geschichte unbekannter Herkunft begleitet mich schon sehr lange und hat sich auch in unserem Familienwortschatz einen festen Platz erobert. Immer, wenn Maria oder ich besonders gestresst sind und eine*r von uns oder beide eine Pause brauchen, dann fallen oft Sätze wie: „Ich muss mal meinen Indianer wieder suchen gehen.“ Oder: „Wo ist denn dein Indianer abgeblieben?“ Und auch wenn Du diese Geschichte vielleicht noch nie gehört hast, das Gefühl, das sie beschreibt, kennst Du bestimmt auch: Bei alledem, was zu tun, zu machen, zu managen, zu regeln und zu meistern ist in unserem Alltag, in Beruf, Familie und Freizeit – da kommt es nicht selten vor, dass die Seele bisweilen einfach nicht hinterherkommt. Und gerade dann wäre es gut, dass Du es machst, wie der Indianer in der Geschichte – oder wie Maria im Sonntagsevangelium.

Der Indianer und Maria: Beide kriegen es irgendwie hin, und dafür sind sie wirklich zu bewundern, aus dem Trubel und der Hektik auszubrechen, durchzuatmen und sich auf etwas Größeres zu konzentrieren: auf den Augenblick und auf die Begegnung mit Jesus. Doch Moment mal: von wirklichem Stress war doch in beiden Geschichten eigentlich gar nicht die Rede. Der Indianer fährt doch nur ein bisschen Auto und die beiden Schwestern haben einen einzigen Gast zu bewirten. Wenn Maria und Martha ein volles Wirtshaus zu versorgen oder der Indianer ohne Vorbereitung durch den Stadtverkehr von New York fahren müsste, das wäre Stress, aber so? Nun, wenn das auch Deine Gedanken sind, dann erst einmal Glückwunsch: du hältst viel Stress aus. Aber es zeigt auch, dass das Empfinden von Stress und Belastung ganz unterschiedlich sein kann: was die eine gerade so vor der Langeweile bewahrt, kann für den anderen schon zu Schweißausbrüchen führen. Es kommt auf die Perspektive und auf die Schulung der Achtsamkeit für mich selbst und für meine Mitmenschen an.

Maria im Evangelium ist ein Beispiel für diese Achtsamkeit. Sie hat also den guten Teil gewählt – wie es wörtlich übersetzt heißt – nicht unbedingt das Bessere, wie es in unserer Fassung steht. Wenn es etwas Besseres gibt, dann muss es auch etwas Schlechteres geben, und damit wird ein Vergleich gestartet. Ist dann ihr Verhalten besser als der mühevolle Einsatz ihrer Schwester als gute Gastgeberin? Das nun ist, so denke ich, ganz und gar nicht im Sinne des Evangelisten Lukas. Es geht ihm nicht darum, das Tun gegen die Muße auszuspielen, sondern eben um die Schulung der Wahrnehmung, was wann dran ist. Die Geschichte von Marta und Maria setzt er, so denke ich, ganz bewusst unmittelbar nach der Perikope vom Barmherzigen Samariter, die vergangenen  Sonntag in der Leseordnung stand, mit dem Aufruf zum fürsorglichen Dienst für Menschen in Not. Dienst, diakonía, das ist auch der Begriff, der im griechischen Original für Martas Tätigkeit gebraucht wird: „Marta aber war vom vielen Dienst beunruhigt.“ – so übersetzt es die Bibel in Gerechter Sprache. Vor lauter Dienst ist ihr die Ruhe abhanden und sie selbst ist aus dem Gleichgewicht gekommen. Nicht ihr Tun wird von Jesus getadelt, sondern, dass sie – um im Bild der Geschichte vom Anfang zu bleiben – nicht gemerkt hat, dass ihr Indianer während ihres vielen „Dienens“ schon längst ausgestiegen ist.

Vom vielen Dienst war sie beunruhigt, so heißt es. Und mit dem Begriff „Dienst“ sind wir bei einer weiteren wichtigen Perspektive angekommen: Marta und Maria stehen nicht nur für die Dimensionen von Stress und Ruhe in jeder*m von uns, sondern auch für zwei Seiten unseres kirchlichen Handelns, die Benedikt von Nursia in seiner Ordensregel mit ora und labora, also: beten und arbeiten wiedergegeben hat. Für das Christentum sind das gleichsam die beiden Lungenflügel, mit denen Gottes Geist in unserer Welt atmet. Es braucht – gerade in unserer krisengebeutelten Zeit – diesen Dienst barmherziger Sorge um die Menschen, es braucht zupackende, liebevolle Hilfe und caritativen Einsatz. Aber es braucht auch eben auch das Nachkommenlassen der Seele in der Gegenwart Jesu. Maria im Evangelium hat den guten Teil gewählt, d. h. sie tut gut daran sich ganz für Jesus Zeit zu nehmen, ihm zuzuhören, sich seine Worte zu Herzen gehen zu lassen und schlicht einfach bei ihm zu sein. Das soll ihr nicht genommen werden, will sagen: das darf die Gemeinschaft der Jünger*innen Jesu niemals vergessen oder aufgeben, bei aller Notwendigkeit des diakonischen Tuns. Und deswegen kann man, so denke ich, den letzten Vers vom letzten Sonntag, auch heute noch einmal aufnehmen, als Aufruf für die Kirche als Ganzes: Geh und handle genauso! Sei barmherzig und hilf, wo Hilfe gefordert ist. Aber geh nicht über deine Kraft hinaus, sondern suche auch immer wieder Ruhe in der Gegenwart Gottes!

Aber auch jede*r Einzelne von uns kann und soll genauso handeln: voller Einsatz, wenn dieser gefragt ist, sei es beruflich, privat oder gesellschaftlich. Aber auch immer wieder – wie Maria im Evangelium oder der Indianer in der Geschichte – sich Zeit nehmen, um die Seele nachkommen zu lassen, eine Zeit für Ruhe und Muße, für Spiritualität und Gebet. Und so möchte ich auch gar keine weiteren Worte mehr verlieren, sondern Dich zu ein wenig solcher Indianer- oder Maria-Zeit einladen. Nimm Dir jetzt oder später ein paar Minuten für Deine Seele und für Jesus, um einfach still da zu sein. Schau, was sich in Deiner Seele in dieser Zeit regt und bringe es vor Gott – bittend, fragend, dankend, lobend.

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Räuberisch – Gedanken zum 15. Sonntag der Lesereihe 2022

Bis zum furiosen Finale im Mai 2019 und darüber hinaus war und ist sie ein millionenschwerer Erfolg: die US-amerikanische Fernsehserie Game of Thrones, zu Deutsch: Kampf der Königshäuser. Die Handlung ist in einer fiktiven Fantatsie-Welt angesiedelt und spielt auf den Kontinenten Westeros und Essos. Die sieben Königreiche von Westeros ähneln dem europäischen Mittelalter und sind durch eine riesige Mauer von einem Gebiet ewigen Eises im Norden abgeschirmt. Zwischen den mächtigen Adelshäusern des Reiches bauen sich Spannungen auf, die schließlich zum offenen Thronkampf führen. Das besondere bei dieser Serie: der Fortgang ist absolut unvorhersehbar, einmal geschmiedete Allianzen werden im Handumdrehen ins Gegenteil verkehrt, das gegebene Wort und die geschworene Ehre zählen im Endeffekt gar nichts. Die Folge: Mord, Folter, Gewalt, Totschlag; man kann niemand vertrauen – höchstens sich selbst. Werte, Moral, Gewissen – all das zählt nicht viel in Westeros und Essos.

Warum war und ist diese Serie so erfolgreich, frage ich mich? Ich glaube, sie spricht eine ungewohnte Seite in uns Menschen an, eine dunkle Seite; eine Seite, die wir in der Geschichte vom barmherzigen Samariter aus dem Sonntagsevangelium ebenfalls wiederfinden. „Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halb tot liegen.“ (Lk 10,30) – so erzählt es der Evangelist Lukas lapidar, als ob das Verhalten der Räuber eine Selbstverständlichkeit wäre. Und tatsächlich: wenn ich ehrlich bin, entdecke ich auch in mir manchmal dieses Räuberische, diesen Hang zum Zerstören – und ich denke, da hast Du auch schon mal etwas Ähnliches gespürt. Wenn wir die momentane weltpolitische Lage mit dem grausamen Krieg in der Ukraine und vielen anderen gewaltsamen Konflikten an vielen Orten anschauen, bestätigt sich dieses Wahrnehmung auf ganz tragische Weise im globalen Kontext. Manchmal hat man schon den Eindruck, die Fantasie-Welt von Game of Thrones ist realer als es scheint.

Jesus setzt mit dem Gleichnis vom Barmherzigen Samariter, das uns heute verkündet wurde, einen radikalen Gegenentwurf zur Gewissenlosigkeit und zum gewaltbereiten Egoismus. Der Samariter, der nicht gerne gesehene Ausländer, lässt sich das Schicksal des namenlosen Opfers zu Herzen gehen und packt unverwandt mit an. Er leistet Erste Hilfe im Rahmen seiner Möglichkeiten und Fähigkeiten und macht sich zudem ebenfalls angreifbar, da er mit seinen Händen den Verwundeten stützt, anstatt sie griffbereit am Schwert zu haben, um gegen die Räuber gewappnet zu sein. Die Aufforderung Jesu an seine Zuhörer*innen damals wie auch an uns heute ist eindeutig: „Geh und handle genauso!“ Konkret: Lass Dich von der Not anderer im Herzen berühren, schau nicht weg und pass auf, dass Dein Herz nicht abstumpft. Riskiere die Verwundbarkeit indem Du die Wunden anderer zu heilen versuchst. Höre auf Dein Gewissen und handle nach den Werten, die der Glaube uns lehrt. Übe Dich jeden Tag in der Liebe zu Gott, Deinem Nächsten und Dir selbst!

Jesus selbst ist diesen Weg der wehrlosen Liebe gegangen. Sein Weg führte ihn bis ans Kreuz, bis zum gewaltsamen Tod – verraten von einem seiner engen Freunde. Der Protagonist einfach ausgeschaltet – also auch eine Wendung wie bei Game of Thrones, könnte man denken. Unser Glaube aber belehrt uns eines Besseren. Der Tod hat nicht das letzte Wort; die Liebe Jesu siegt und erringt ihm die Königswürde der Auferstehung. Und nicht nur für Jesus: auch uns allen, die wir auf seinen Namen getauft sind, die wir in seine Nachfolge berufen sind, auch uns allen ist dieses Leben in Fülle verheißen. Der Schlüssel dazu kann aber auch bei uns nur ein Lebensstil der Liebe sein, einer Liebe die der Gewissenlosigkeit, dem Egoismus, der Gewalt und dem Hass immer neu trotzt. Freilich sind wir in unserem Alltag Gottseidank nicht auf Kriegszügen wie im Mittelalter oder in einer Fantasie-Welt und gewaltbereite Räuber sind wir auch nicht – so hoffe ich zumindest. Aber der*dem kleinen Räuber*in in uns können wir jeden Tag den Kampf ansagen: Versöhnung suchen statt Streit zu schüren; auch den nervigen Mitmenschen freundlich begegnen; aufhören, unsere Umwelt gnadenlos auszubeuten und zu zerstören – usw. usf. Und ich bin mir sicher, dass unsere Welt anders aussehen wird, wenn sich die Haltung Jesu, die barmherzige Liebe, wirklich vollauf durchsetzen ließe. Sicher, man könnte da schon resignieren, angesichts der großen weltweiten Ungerechtigkeit und Grausamkeit und unseren oft so kleinen Möglichkeiten. Lassen wir den Mut nicht sinken und bitten wir Gott um seine stärkende Kraft auf unserem Weg!

Das schlimmste für die Serien-Fans (nicht nur) von Game of Thrones ist das sog. Spoilern, also das im Voraus ausplaudern, wie es weitergeht, wie die Serien-Staffeln enden. Für unseren Glauben kann es aber eigentlich nichts Besseres geben. Wer die Liebe lebt und sich von Gott lieben lässt, wird leben, sagt Jesus – hier in unserer Welt und Zeit und in der Ewigkeit. Die Verheißung eines solches Happy-Ends kann man, so glaube ich, nicht oft genug hören. Also: Handeln wir danach und wir werden leben!

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Big Mama – Gedanken zum 14. Sonntag der Lesereihe 2022

Kennst Du das Buch oder den Film „Die Hütte“ aus dem Jahr 2009 bzw. 2017? Die sehr berührende Geschichte spielt in den USA und erzählt von Mack, dessen jüngste Tochter Missy bei einem Campingausflug entführt, vergewaltigt und ermordet wird. Für Mack und seine Familie bricht eine Welt zusammen – verständlicherweise. Und was Mack ebenfalls nicht zu verübeln ist: er hadert auch mit seinem Glauben und mit Gott. Wie konnte er dieses Unheil nur zulassen. Eines Tages findet Mack im Briefkasten eine Einladung zu einem Wochenende in eben jener Hütte, in der Missy zu Tode kam. Der Brief ist nur mit „Papa“ unterzeichnet. Mack fragt sich nun, von wem der Brief stammt: Von seinem Vater? Von Missys Mörder? Oder gar von Gott selbst, den seine Frau Nan herzlich „Papa“ nennt, zu dem er selbst aber keine richtige Beziehung hat? Und Mack macht sich gegen alle Widerstände auf den Weg und fährt hin – und begegnet tatsächlich Gott. Und diese Begegnung sollte sein ganzes Leben verändern.

Als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe, war ich ganz gespannt, wie der Autor William Paul Young wohl diese Begegnung schildern würde. Und ich war durchaus überrascht, dass er „Papa“ als gemütliche, fürsorgliche schwarze Frau um die 50 darstellt. Überrascht war ich und zugleich auch ungemein berührt. Papa steht viel in der Küche und kocht für Mack – und am liebsten hätte ich mich da auch mit dazu gesetzt und die Geborgenheit verkostet. Was mich positiv angesprochen hat, das war für viele Christ*innen gerade im evangelikalen Raum der USA beinahe schon ein Sakrileg: Gott als Frau und dann auch noch schwarz? Das geht doch nicht! Ich möchte dagegen halten: warum eigentlich nicht?

Es ist, so glaube ich, ein durchaus verhängnisvolles Bild von Gott als einem alten Mann mit Rauschebart, das sich in vielen Köpfen dies- und jenseits des Atlantik festgesetzt hat. Und es ist nicht verwunderlich, dass sich viele Menschen damit schwer tun: Er erinnert sie oft eher an die Auseinandersetzung mit dem eigenen Vater als an jemanden, der um die Nöte und Sorgen weiß, die einen belasten. Nicht umsonst gab es im Alten Testament ein Bilderverbot: „Du sollst dir von Gott kein Bildnis manchen.“ Der Gott der Strafe und des Zornes, Bilder eines bösen und grimmigen Mannes, kommen für viele hinzu. Wer sich davon frei gemacht hat, behauptet nicht selten, nicht mehr an Gott glauben zu wollen bzw. zu können. Andere versuchen den Fokus in diesem Bild zu verlagern. Diese Kehrseite ist dann der liebe Gott, der brave alte Tattergreis, der niemandem etwas tut. Aber nötig hat ihn auch keiner!

Nach dem biblischen Befund ist Gott jedoch alt und jung zugleich. Und genauso dürfen wir sagen: Gott ist Vater und Mutter. Er umfasst in sich den Reichtum des männlichen und weiblichen Lebens. Als er den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis schafft, da schafft er ihn als Mann und Frau. Sein eigener Reichtum entfaltet sich in den Grundgestalten menschlichen Lebens. Beide, Mann und Frau, gleichberechtigt und nur in gegenseitiger Ergänzung sind sie göttliches Abbild. Letztlich haben alle biblischen Bilder die Absicht, Gott als Quelle des Lebens darzustellen. Wie unbefangen die Heilige Schrift frauliche und mütterliche Züge als Bild Gottes beschreibt, das ist in der heutigen Lesung mehr als deutlich. Der Prophet Jesaja malt ein warmes und gefühlsbetontes Bild. Es charakterisiert geradezu liebevoll die göttliche Zuwendung zum Menschen. „Wie eine Mutter ihr Kind tröstet, so tröste ich euch.“

Dieses Wort des Propheten Jesaja gilt einer entmutigten Zeit. Exil lautet das Stichwort. Weit weg von gesellschaftlicher und religiöser Heimat mussten die nach Babylon Verschleppten ihr Dasein fristen. Wie wohltuend ist da doch dieses Bild der ihr Kind tröstenden Mutter. So ist Gott – eben wie die Papa-Mama in der Hütte, die sich rührend um den seelisch leidenden Mack kümmert. Zu ihr darf ich kommen, mit allem, was mir auf dem Herzen liegt. Bei ihr darf ich mich geborgen fühlen und neue Kraft bekommen. Aber wie eine Mama auch manchmal deutliche Worte braucht, um ihre*n Sohn*ihre Tochter vor Dummheiten zu bewahren, so sind auch die drastischen Worte aus der Hl. Schrift (wie am letzten Sonntag) zu verstehen: alles aus Liebe und zur Vertiefung des Lebens in Fülle.

Die Frage bleibt aber schon, warum diese Seite Gottes so wenig zum Tragen gekommen ist in der christlich-jüdischen Glaubensgeschichte. Vielleicht ganz bewusst, vielleicht aus Vorsicht, in Abgrenzung und zum eigenen Schutz blieb man zurückhaltend, von der Mütterlichkeit Gottes zu sprechen, um in einer patriarchal geprägten Umwelt nicht ins Hintertreffen zu geraten – die Vergangenheit bleibt uns hier dunkel. Es ist tragisch, wenn nicht verhängnisvoll, dass in der Wirkgeschichte dieser wunderbare Gedanken bis hinein ins Christentum vernachlässigt, ja über lange Zeit fast ganz verdrängt wurde. Wir sollten die mütterliche Seite Gottes neu entdecken und mutig weiterdenken. Und vor allem sollten wir nie damit aufhören, uns von Gott überraschen zu lassen, so wie Mack in der Hütte. Denn Gott ist uns Vater und Mutter und noch viel mehr und auch ganz anders – Gott sei Dank.

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Bewerbungsgespräche – Gedanken zum 13. Sonntag der Lesereihe 2022

Consistent Identity – das ist, wenn man dem amerikanischen Psychologen Robert Cialdini glauben darf, der wichtigste Schlüssel, um bei einem Bewerbungsgespräch Erfolg zu haben. Cialdini spricht davon, dass es eines der ausschlaggebendensten Kriterien bei Bewerbungsverfahren sei, ob sich der Bewerber*die Bewerberin selbst als beständig empfindet und das auch lebe. Wer heute so und morgen anders handelt, wird nicht nur bei einem neuen Beruf wenig Chancen haben, sondern irgendwann auch in eine Identitätskrise kommen. Es fehlt die Festigkeit – und die erwächst auch aus der Beständigkeit. Freilich, Veränderung und Weiterentwicklung der eigenen Identität sind dabei nicht ausgeschlossen, aber um stabil und tragfähig zu sein, braucht es Zeit und persönliches Reifen, um Stabilität zu schaffen. Und wenn der*die Personaler*in im Bewerbungsgespräch diese Stabilität spürt und erkennt, steht einem guten Job nichts mehr im Wege – zumindest in der Theorie. Nun bin ich kein Psychologe, aber das klingt schon schlüssig. Wenn ich weiß, wo ich hingehöre, wer ich bin, was meine Stärken sind und worauf ich meine Werte im Leben gründe, dann wird man mir das anmerken. Und umgekehrt ist es für mich eine große Stütze, wenn die Stürme des Lebens kommen und an mir zu rütteln beginnen.

Wenn wir in das Sonntagsevangelium schauen, dann finden wir da auch so etwas wie ein Bewerbungsverfahren. Drei Männer lässt der Evangelist Lukas am Bewerbungstisch Jesu Platz nehmen. Drei Männer, die Jesus schon hart rannimmt. Drei Männer, die er auf ihre consistent identity prüft. Wahrscheinlich, so war es meine erste Assoziation, um sich gegen neuerliche Missverständnisse in seinem Jüngerkreis abzusichern. Feuer auf die Erde werfen, bloß weil man nicht aufgenommen wird, den großen Max raushängen lassen um zu zeigen, dass man selber was gilt und die anderen nicht – das ist nicht im Sinne Jesu. Was er stattdessen möchte, das sehen wir bei den drei Männern:

1.   Mut und Vertrauen: Der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann, sagt Jesus. Christsein ist, so könnte man übersetzen, keine Sache der Prestige, des Wohlstands oder des Komforts. Ganz im Gegenteil. Christsein fordert mich heraus, mit Jesus aus meiner Komfortzone auszubrechen, mich mit ihm auf einen Weg zu machen, der nicht nur schön ist. Aus Liebe geschenkter Dienst für Menschen in Not ist gefragt und ein Einstehen zu christlichen Werten und Haltungen – was vielen unserer Zeitgenossen nicht mehr in den Kram passt und womit wir uns nicht immer beliebt machen. Das braucht wahrlich viel Mut und Vertrauen in sich selbst und die Kraft Gottes.

2.   Entschiedenheit: Eins der härtesten Worte, die uns von Jesus überliefert sind, kommt gleich darauf: Lass die Toten ihre Toten begraben. Das sagt Jesus einem Mann, der gerade seinen Vater verloren hat – eigentlich völlig unfassbar. Man kann diese harten Worte, so glaube ich nur dann tolerieren, wenn man sie als direkte Botschaft für uns Hörer*innen sieht und den jugendlichen Halbwaisen einfach mal ausblendet. Und dann steckt da viel drin: Lass die Toten ihre Toten begraben. Lass all das zurück, was Dir im Weg steht, das Oberflächliche, das Sinnlose, das Leblose in deinem Dasein – du, der du das Leben in Fülle verkostet und daran Geschmack gefunden hast. Echtes Loslassen geht aber nicht so hoppla hopp – das braucht wirklich viel Entschiedenheit: die schlechten Gewohnheiten, das fehlende Gottvertrauen, das Kleinmachen von sich und anderen – all das wird man manchmal nur mit einer Härte los, wie wir sie hier in Jesu Worten finden.

3.   Ausdauer: Keiner der die Hand an den Pflug legt und nochmals umblickt taugt für das Reich Gottes – so schließt der Evangeliumstext. Wenn ich da auf mich selber schaue macht mich dieser Satz schon nachdenklich. Ich bin jemand, der schnell und leicht Feuer fängt für eine Idee, ein Projekt oder eine Tätigkeit. Aber mit dem Dranbleiben ist es dann oft schon sehr zäh und mühsam – und da geht es Dir vielleicht manchmal ganz ähnlich. Was beim Lernen eines Musikinstruments oder beim Sport nicht schön aber zu verschmerzen ist, das ist in Sachen Christsein fatal. Wenn Du das Leben in Fülle gespürt hast, so könnte Jesus heute sagen, wenn Du erfahren hast, wie meine Liebe die Welt verändert, dann kannst Du doch nicht wieder in die alten Muster der Gleichgültigkeit und des Konkurrenzkampfs zurückfallen. Geh weiter mit mir! Und hab keine Angst, ich gehe doch mit Dir! Freilich, es wird uns immer nur bruchstückhaft gelingen, am Leben Jesu maß zu nehmen. Aber das Dranbleiben ist wichtig, nicht aufzugeben, nicht aus seiner Nähe zu verduften, sondern jeden Tag als Gelegenheit zu sehen, mit ihm weiterzuwachsen.

Mut und Vertrauen, Entschiedenheit und Ausdauer. Ein Mensch, der diese Eigenschaften in sich vereint, der beeindruckt, der steht fest in sich und in seinen Überzeugungen und wirkt anziehend. Haben dann die drei Kandidaten aus dem Evangelium in ihrem Bewerbungsgespräch versagt? Wie es mit ihnen weiterging hat Lukas, so denke ich, ganz bewusst weggelassen, weil wir als Hörer*innen heute aufgefordert sind, auf die Aussagen Jesu zu antworten. Wir dürfen von den drei Männern lernen und dadurch unsere christliche consistent identity weiter ausprägen indem wir versuchen, in den Haltungen Mut, Vertrauen, Entschiedenheit und Ausdauer immer mehr zu wachsen – das aber Gottseidank ohne den Druck, Jesus wie einen Personaler von uns überzeugen zu müssen.

Bild von Tobias Herrmann auf Pixabay